kurtzgeschichten.de Eva

Tagebuch einer irrtümlichen Liebe

4. Tag - Der Dienstag danach

Mein inneres Kühlhaus läuft auf höchsten Touren. Und doch entweicht häufiger, als mir dies lieb ist, eine ganze Woge von Gefühl aus mir. Und mir wird stärker und stärker deutlich, dass ich mich so einfach nicht werde von dir und vor allem von meiner Liebe zu dir verabschieden können. Dabei glaubte ich mich letzten Freitag endgültig und schlagartig von dir geheilt. Es war ein urplötzlich einsetzender Zustand der absoluten Freiheit. Freiheit, wieder klar zu denken. Freiheit von unkontrollierten Gefühlswellen hin und her gerissen zu werden.

Ich dachte, dass es eine biochemische Reaktion sein muss. Wenn wir uns verlieben, trifft unsere Wahrnehmung bei einem Gegenüber auf ein uns nicht bewusst bekanntes Muster und KLACK! legt sich im Gehirn ein Schalter um. Und unser Körper beginnt, Substanzen in unser Blut abzusondern, die uns schnurstracks in den absoluten Ausnahmezustand versetzen.

Und wenn es dann dieses Gegenüber schafft, mit einem einzigen Wort so tief durch dein Herz, deine Seele hindurchzustoßen, bis direkt in die Schaltzentrale des Gehirns, dann kann es passieren, dass derselbe Schalter von einer Sekunde zur anderen von "Ein" auf "Aus" umschnellt. Und plötzlich funktioniert unser Körper wieder ganz normal. Der Kopf denkt an Banales. Das Herz schlägt ruhig und gleichmäßig in unserer von Zentnerlasten befreiten Brust.

Eigentlich war es ein wunderbares Empfinden. Nach einem Augenblick der Panik, der unmittelbar auf dein NEIN folgte, plötzlich Stille. Während meine Augen zwei, höchstens drei Tränen verloren. Ich war so unendlich erleichtert. Endlich Gewissheit. Endlich Frieden. Deine so lange hinausgezögerte Antwort auf meine längst nicht mehr steuerbare Liebe: NEIN. Ein einziges Wort auf dem Display meines Handys. Nicht romantisch aber unmissverständlich.

Und heute, an diesem Dienstag nach jenem Freitag, spüre ich zum ersten Mal den erlittenen Verlust. Da ist eine tiefe Trauer in mir. Und sie spricht: "Ich bin hier. Du wirst mich erleben müssen. Du hast einen großen Traum vom Glück, eine Illusion der Verwandtschaft zweier Seelen und nicht zuletzt die Möglichkeit einer echten Freundschaft verloren. Unwiederbringlich! Du wirst trauern müssen."

Und wie ein Unkraut sprießt in meinem Hinterkopf der Gedanke, du könntest dich doch noch zurückmelden. Du hättest den Verlust genauso verspürt, wie ich und wüsstest schlagartig, dass alles ein großer Irrtum war, dass du mich doch liebst. So liebst, wie ich dich liebe. Doch nicht ohne mich sein kannst. Dass deine Sinne vernebelt waren an jenem Freitag, an dem du mich mit einem NEIN aus deinem Leben getippt hast.

"So liebst, wie ich dich liebe." Wie liebe ich dich denn? Was ist es, das ich für dich empfinde? Was genau löst du in mir aus? Ganz zu Beginn meines großen Gefühls, versetzte der bloße Gedanke an dich jeden Zentimeter meines Körpers in völligen Aufruhr. Die Bandbreite der erotischen Sensationen ließ sich kaum noch erfassen: Ich war völlig scharf auf dich. Im Zuge unseres weiteren Kennenlernens ließ das dann allerdings nach. Warum? Mein Körper hat wohl schon gespürt, was mein Herz nicht sehen wollte. Und wer einmal sehr verliebt war, weiß, wie gerade im Zustand des Verliebtseins die Erotik aussetzen kann, wenn dieses bedingungslose, allumfassende JA ausbleibt. Ja, du bist es, die ich will. Ganz und gar. So wie du bist. Mit allem Guten und allem Schlechten.

Und an jenem Abend, als du doch noch bliebst und wir uns berührten und küssten und ich bis dahin nichts sehnlicher gewollt hatte, als mit dir zu schlafen, an jenem Abend, während wir uns küssten, wusste ich plötzlich, dass es kein JA war, das dich so nah an mich herangetrieben hatte, sondern deine Suche nach Gründen, nach Argumenten, die für eine Verbindung zwischen uns beiden sprechen könnten.

Und seit diesem Augenblick hat mich der Wunsch verlassen, mit dir zu schlafen. Das war es nicht, was ich suchte. Ich wollte dich annehmen und wahrnehmen. Erkunden. Ergründen. Erforschen wie ein unbekanntes Land, eine fremde Welt, deren Gesetzmäßigkeiten noch ein Rätsel bilden, die ich mir aber längst zur Heimat gewählt hatte.

Was für eine sinnlose Verschwendung, wenn ein solches Maß an Liebe unerwidert ins Leere läuft. Aber, wer immer unser Geschick lenkt, fragt scheinbar nicht nach dem Sinn und dem Nutzen. Wozu dient die Liebe aber, wenn nicht dazu, erwidert zu werden? Sollen wir bloß erinnert werden? Daran, dass wir leben und nicht nur wie ein Uhrwerk funktionieren...?

Erinnerst du dich an jenen Sonntag nach der Nacht in der du nicht schlafen konntest? Du hast mich ganz früh angerufen und wolltest mit mir in den Wald fahren. Ich sagte "Okay" und du kamst zu mir. Wir haben anschließend den ganzen Tag und den Abend miteinander verbracht. Erinnerst du dich an die Intensität und Nähe, die unsere Gespräche zu Reisen in phantastische Welten machte? Du hast mir an diesem langen Tag ein Stück deines Herzens gezeigt. Und darauf konnte ich kein NEIN erkennen.

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Erste Ausgabe am 1. August 2002 - Zuletzt geändert am 28.02.2006
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