kurtzgeschichten.de Eva

Tagebuch einer irrtümlichen Liebe

7. Tag: Der Freitag danach

Immer noch kein Lebenszeichen von dir. Kein Brief, kein Anruf. Nichts. Dein NEIN ist anscheinend allumfassend gemeint. Und je konkreter sich die Situation unserer Trennung zeigt, umso tiefer wächst in mir die paradoxe Gewissheit, dass du dich melden wirst. Und dass du mich nicht vergessen wirst.

Wieso lebt in mir diese gnadenlose Sicherheit, dass du mich liebst? Es gibt dafür doch überhaupt keine Anzeichen. Oder jedenfalls nur ganz schwache, die genauso gut auf eine große Sympathie hindeuten können. Und um die Grausamkeit dieser irrationalen Situation noch weiter zu steigern, führt diese Gewissheit dazu, dass ich beginne, fest daran zu glauben.

Glücklicherweise weiß ich, dass, egal, wie du für mich fühlst, du niemals den Mut hättest, dich mit mir einzulassen. Und dass, selbst wenn du ihn hättest, ich in der Enge deiner Welt nicht leben wollte.

Mir ist seit letztem Freitag erstmals bewusst geworden, wie weit ich mich bereits auf deine Wertigkeiten eingelassen hatte. Mit welcher Geringschätzung ich bereits auf mich und mein Leben blickte. Und wie weit ich bereits auf dem Weg fortgeschritten war, mich und mein Umfeld an deine Vorstellungen anpassen zu wollen.

Ich bewundere deinen Sinn für Ästhetik. Deine Suche nach Perfektion im äußeren Ausdruck. Aber dein erschreckter Blick auf die augenfällige Abwesenheit solcher Ansätze bei mir ist so nicht fair zu nennen. Dieselbe Ästhetik und Perfektion, die du im Außen suchst, suche ich im Innen. Und ich könnte ebenso erschreckt die Kargheit deines inneren Landes betrachten, wie du die meiner Wohnung.

Warum nur besitzen unsere Herzen diese Fähigkeit, so direkt miteinander zu kommunizieren? Zumindest in Momenten.

Wenn unser Herz in Räume unterteilt wäre, dann hätte ich die Materie, die meine Gefühle für dich enthält, mit viel Mühe aus dem Raum "Liebe" in den Raum "Freundschaft" getragen. Noch bekomme ich die Tür nicht richtig zu. Noch ist von dieser Materie zu viel vorhanden.

Ich liebe unsere Gespräche. Besonders die leisen, die ohne zu viele Worte und Gesten geführten. Die nachdenklichen. Die, bei denen dein Gesicht in Augenblicken die gesamte Traurigkeit offenbart, an der dein Herz fast überläuft.

Ich spüre immer öfter, welches Ausmaß an Freude es bedeuten wird, frei zu sein von dem zwanghaften Trieb, dir nahe sein zu wollen. Dir wichtig sein zu müssen. Von dir ebenso gewollt zu werden wie ich dich will.

Frei sein. Die Gedanken in alle Richtungen fliegen lassen können. Unzählige unterschiedliche Gefühle zu fühlen für eine diverse Vielzahl von Dingen, Themen und vor allem Menschen, anstatt stets von einem einzigen Gefühl der Liebe für einen einzigen Menschen überwältigt und gewissermaßen ausgelöscht zu sein.

Die Schönheit des Verliebtseins liegt in dem elementaren Charakter dieser emotionalen Urgewalt. Ähnlich der Schönheit eines sich mit aller Heftigkeit entladenden Gewitters. Wenn aber dieses Gefühl nicht erwidert wird, keinen Raum findet, in den hinein es seine Ur-Gewalt entladen kann, dann entwickelt sich eine nicht mehr kontrollierbare Energie, die sich irgendwann zwangsläufig einen Ausweg sucht.

Wenn nicht vorher jemand oder etwas diesen Schalter des Gehirns auf "Aus" stellt, wie du dies an jenem letzten Freitag mit deinem kurzen NEIN auf dem Display meines Handys getan hast. Danke! Du hast mich vor schlimmerem bewahrt. Oh nein, nach diesem NEIN habe ich mich fürwahr nicht gesehnt. Aber nach der Gewissheit, die ich nun endlich habe! Wie oft habe ich dich bekniet, mir doch bitte ein klares JA oder NEIN zu geben? Deine Antwort war stets im vagen. Du wüsstest nicht, wie du für mich empfindest. Im Grunde möchte ich laut auflachen, wenn ich daran zurückdenke. Du wusstest es nicht! Da hätte ich es aber spätestens wissen müssen: Dass du mich nicht liebst. Dass du es liebst oder besser nicht zurückweisen kannst, so geliebt und verehrt zu werden. Es bedurfte dann auch nur zweier Momente der Kritik, deinem NEIN auf die Startbahn zu verhelfen. NEIN. Eigentlich fehlten nur noch ein oder am besten gleich eine ganze Armada von Ausrufezeichen...

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Erste Ausgabe am 1. August 2002 - Zuletzt geändert am 28.02.2006
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