kurtzgeschichten.de Eva

Tagebuch einer irrtümlichen Liebe

43. Tag

Nun haben wir uns gestern Abend zum ersten Mal wiedergesehen. Ich hatte mich sehr auf dich gefreut. Als es dann aber so weit war, dominierte für kurze Zeit die Angst. Angst mich einer Situation auszusetzen, die sich verselbständigen könnte. Die mich zuletzt wieder als willenloses, heulendes Wrack zurücklässt.

Es war schön mit dir zusammen zu sein. Ein glückliches, viel zu angenehmes Gefühl. Und so empfinde ich heute die innere Leere, die sich oft nach Momenten größten Glücks einstellt. So wie unser Auge nach dem Blick in extremes Licht nichts mehr wahrnimmt oder wie unsere Nase nach einem starken Duft nichts mehr erriechen kann.

Ich empfinde heute Stille. Eine so stille Stille, dass ich bereits fürchtete, die Vorstufe der nächsten Panik erreicht zu haben.

Gestern Nacht habe ich noch einmal all meine Aufzeichnungen gelesen. Den ganzen Prozess des Loslassens. Den gesamten Schmerz, die gesamte Trauer. Den langen Weg von der ursprünglichen ausweglosen Panik bis zur stillen Annahme der Realität, die sich in der jüngsten Zeit erst einzustellen beginnt.

Du hast mich gestern gefragt, was das denn für ein Gefühl sei, vor dem ich mich so fürchte. Ich konnte es dir nicht wirklich erklären. Nun quält mich die Frage, ob ich dich lesen lassen sollte, wie die letzten Wochen aussahen. Aber ich fürchte, dass dies ein Fehler wäre. Zum einen ist der Wunsch, verstanden zu werden, vor allem die Tarnung des eigentlichen kindlichen Wunsches, gerettet zu werden. Und zum anderen wirst du vielleicht wieder nicht verstehen, was du da liest und alles wird noch verworrener als es bereits ist.

Ich darf dich nun nicht wieder halten wollen. Ich muss jeden Ansatz verdrängen, dich an mich zu ziehen. Das ist schwer. Die Tatsache, dass ich kürzlich am eigenen Leibe erleben musste, wie abstoßend aufgedrängte Gefühle der Zuneigung sind, erleichtert mir diesen Weg. Stolz ist ein starker Motor.

Dich zu lieben und dich zu lassen erscheint wie eine fast unlösbare Aufgabe. An diesem "fast" halte ich mich aber fest. Und nicht zuletzt ist es dann auch eine Frage des Glaubens an die Liebe als höchsten Wert. Und kein Preis darf zu hoch sein, dieses Gut zu retten, zu schützen und vor Schmutz und Erniedrigung zu bewahren.

Was mich tatsächlich verblüfft, ist die Unerschütterlichkeit meiner Zuneigung zu dir. Ich sehe deine Fehler, deine Schwächen, deine feigen, bequemen und auch hässlichen Seiten. Doch nichts davon mindert meine Sympathie auch nur um die eine oder andere Nuance. Seltsam.

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Erste Ausgabe am 1. August 2002 - Zuletzt geändert am 28.02.2006
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