kurtzgeschichten.de Eva

Tageweise Gedanken

22. Dezember
Seit Stunden kreist ein Teil meiner Gedanken um die Frage, warum es mir so wesentlich erscheint, dass wir so ähnliche Schachspielerinnen sind. Wäre es möglich, dass sich hier viel mehr über das Wesen unserer Verbindung offenbart, als dies auf den ersten Blick offensichtlich ist?

Warum wird mein Kopf bei dem Gedanken "Ich liebe dich" plötzlich so leer? Nichts außer diesen Worten hat noch Raum. Und ein großer Teil von mir möchte sich dem einfach ergeben. Der andere kleine Teil aber schlägt fürchterlich Alarm. Feigling, der er ist.


16. Dezember
Ich versuche im Grunde nur noch, halbwegs dem Verlauf dessen zu folgen, was um mich herum geschieht. Wüsste ich doch wenigstens ansatzweise, was ich sagen oder tun kann. Ich habe mich selten so hilflos gefühlt. Als hättest du dich in eine andere Welt verabschiedet, in der das Wasser anders schmeckt, die Farben anders leuchten, meine Worte bei ihrer Ankunft nur noch Zerrbilder dessen vermitteln, was ich eigentlich gesagt habe. Ich bin völlig ratlos... Kann ich dich überhaupt noch erreichen?


3. Dezember
"Ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten..., Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen, und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben... Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein... - aber nehmen Sie das, was kommt, in großem Vertrauen hin, und wenn es nur aus Ihrem Willen kommt, aus irgendeiner Not Ihres Innern, so nehmen Sie es auf sich und hassen Sie nichts." (Rainer Maria Rilke, Briefe 1903)


2. Dezember
Es hat mich all meinen Mut gekostet, so lange auf so verlorenem Posten auszuharren. Und immer noch fragst du mich nach Gründen, Argumenten, Beweisen. Und während ich dir alles aufzähle, was ich mir selbst immer wieder sage, bleibt mein Herz zum ersten Mal stumm. Warum ist das überhaupt noch wichtig? Für wen und vor allem, warum?


29. November
Es ist so einfach, sich mit Illusionen über das, was an Liebe fehlt, hinwegzutäuschen.
Die Seele leidet still und stumm. So lange bis alles schmerzt, jede Regung in Traurigkeit mündet.
Wie konnte aus nichts so viel Leidenschaft entstehen? Die Wärme deiner Haut brennt immer noch auf meiner. Vergeblich suche ich in dieser Emotion die Täuschung.
Möge man mir vergeben, aber nach diesem Moment wollte ich nur an ihn noch glauben.


27. November
Dieser Moment, in dem offensichtlich wird, dass die Summe dessen, was zwischen zwei Menschen an Gefühl ist, nicht zu Großem reicht.
Ich habe es so lange nicht sehen wollen, habe mich mit jeder Illusion geblendet.
Die Erkenntnis ist nun durchgedrungen. Ruhig und still ruht sie wie ein tiefer klarer See. Die schmerzliche Schönheit des Wahrhaftigen.


26. November
Warum ist lieben immer so eng mit sehnen verknüpft? Und warum weckt Sehnsucht so schnell die Angst, sie könne sich ins Unerträgliche steigern?
Warum lässt die Angst vor dem Zu-wenig, das Gar-nichts in manchen Momenten als das Viel-mehr erscheinen?


25. November
Es gibt im Leben solche Stunden voller Leichtigkeit, in denen die Zeit einfach anhält, in denen das Vorher und Nachher im Nebel versinkt.
Es sind diese Zeiten, die das Gefühl von Glück prägen. Es sind solche Stunden, für die sich das Leben aufhebt. Und es ist die Erinnerung an sie, die mir noch heute ein Lächeln ins Gesicht zwingt.


23. November
Und wenn du dann zu lange gesprochen hast, zu viel gesagt hast, zu sehr vertraut hast, dann packt dich wieder die Angst vor deinem Mut, dann läufst du fort vor mir, vor dir, um bloß nirgends anzukommen.


22. November
Indem ich eine Blüte pflücke, sie dir zu geben, als Zeichen meines großen Gefühls für dich, töte ich eine Pflanze, lösche gedankenlos ihr Leben aus.
Und wohin ich sehe, was auch immer ich genauer betrachte, immer wieder entdecke ich nur dieselbe Geschichte vom Werden aus dem Vergehen. Es ist die Endlichkeit, die unser Leben bedingt. Alles was wird löscht etwas, das zuvor war.


19. November
@m - Dein Anruf war die Lebensrettung. Mein Sauerstoffzelt, kurz vorm Kollaps. Danke, du dämonisches Weib...

Solche profanen Kleinigkeiten, wie ein kaputter Zahn, der plötzlich ohne Vorankündigung in Einzelteile zerfällt, können in der Ereignishaftigkeit ihres Eintretens zu Schicksalsschlägen werden. Ich hatte eine solche Panik und dann treffe ich auf eine so umwerfende Zahnärztin... Der ganze Stress hat sich gelohnt und dem Stück Zahn trauere ich schon längst nicht mehr hinterher! :)


17. November
So viele Tage, die so spurlos vorüberziehen. Aus den wenigen anderen wird Erinnerung an ein ganzes Leben


16. November
Als ich dich nicht ganz besitzen konnte, sehnte ich mich nach deiner Zwischenzeit. Danach, zu dir zu kommen, um wieder wegzugehen. Wollte in Klammern bei dir sein oder in Gedankenstrichen. Dein Buch solltest du zuschlagen, ein Lesezeichen einfügen. Meinen Text von der Liebe zu lesen. Wollte kein Kapitel sein, auch keine Fußnote. Nur dieses Innehalten, dieser kurze Blick aus dem Fenster. Wollte dein Leben in Augenblicken begleiten und manchmal auch in deinen Träumen reisen - immer fest in einem Lesezeichen verankert.


14. November
Jedes Wort wäre der Auslöser für neues Leid. Also schweige ich heute und sage nichts vom Lieben und Vermissen.


13. November
Und mir ist klar, dass ich mich von dir lösen muss. Es bewegt sich alles auch nur noch im Kreis. Alles haben wir immer und immer wieder gesagt. Ich beginne, mich an meinen eigenen Worten zu langweilen. Die Geschichte ist verfahren, hat überhaupt keine Zukunft mehr. Wir erleben sie halt auf zu verschiedenen Ebenen. Faszinierend ist einzig noch die Frage, warum du nicht von mir lassen kannst. Warum eigentlich?
Und nun frage ich mich wieder, worauf ich denn eigentlich noch warte. Oder vielleicht besser, warum ich überhaupt noch warte. Warum?
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Ich bin süchtig nach dem, was ich in der Liebe als Poesie bezeichne. Nach dem gesamten Wahnsinn all dessen, was sich nicht wirklich greifen aber um so stärker fühlen lässt. Dem, was mich hin und her wirft, hoch in den Himmel und auch mal ganz tief runter. Nach dieser ganz besonderen Dimension, die sich manchmal zwischen Menschen öffnet.
Die ganze verrückte, wunderschöne Poesie der Liebe. Diese Droge, von der es kein Entrinnen gibt. Sie ist der Grund, warum ich nicht von dir lassen will.


12. November
@m - Weißt du, was ich wirklich bedaure, ist, dass wir jetzt mit so einem komischen Missklang auseinandergegangen sind. Das ist doch unnötig. Das zerstört im Nachhinein all das, was seine ganz eigene Schönheit hatte.
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Aufbruch! Aufbruch! Neues beginnen! Was nicht leben wollte, durfte endlich sterben.
Und was für ein schöner Tag. Welches Glück, gerade heute neu anzufangen...
Unendlich frei und froh sein zu wollen. Und doch auch zu wissen: Es war trotz allem eine sehr besondere und auch sehr schöne Zeit.


11. November
Sprechen wäre ein Paradies. Schweigen. Lähmende Stille dieser Tage, die gerade erst begonnen haben. Tränen statt Worten. Kapitulation statt Kampf. Ankunft am Ende aller Illusionen.


10. November
Die Erkenntnis schlug in meinem Bewusstsein ein, wie ein Meteorit, hinterließ einen Krater unfassbaren Ausmaßes und trug alles, woran ich bis dahin geglaubt hatte, in einer gewaltigen Staubwolke davon. Danach Stille. Unbeschreibliche, kosmische Stille.
Es ist alles nur ein ewiger, elender Kreislauf! Ein Karussell. Das Leben ein zynischer Rummelplatz. Disney Land Gottes.

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Erste Ausgabe am 1. August 2002 - Zuletzt geändert am 28.02.2006
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